Neue Felder – Neue Dörfer
Praxis und Ästhetik einer (post)sozialistischen Landschaft
Symposium

Erste Universale des Libken e.V.
13. – 16.09.2018
Böckenberg / Gerswalde

Die Libken Universale ist ein partizipatorisches, interdisziplinäres Symposium, das sich an der Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft und regionaler Verortung bewegt. Einmal jährlich werden wechselnde, ortsspezifische Themen und Fragestellungen gemeinsam eingehend bearbeitet. Der Rahmen der Universale wird durch geladenen Gäste, geführte Spaziergänge, Vorträge, Konzerte, gemeinsame Essen, Aktionen, Exkursionen und Filmvorträge gesteckt und durch die TeilnehmerInnen selbst erweitert. Ziel der Universale ist es, einen fachübergreifenden Begegnungsraum zu initiieren, der akademischen und lokalen Akteuren, sowie allen interessierten Gästen ein gemeinsames Forum bietet.

Die erste Universale findet als Symposium zum Thema Landschaft statt. Libken plant, sich längerfristig und über die erste Universale hinaus mit dem Thema zu beschäftigen. Auf der Agenda des Vereins steht unter anderem, Libken als ein Zentrum für eine künstlerische Landschaftswissenschaft zu etablieren. Dafür hat sich eine AG Landschaft gegründet. Den konkreten Einstieg in das weite Themenfeld Landschaft wählt das Symposium ganz ortsbezogen über den 1964 in Großblockbauweise errichteten DDR-Wohnblock, der jetzt Libken ist – und der das Thema hin zu Aspekten (post)sozialistischer Landschaftspraxis öffnet – vor Ort, aus dem Fenster schauend, und generell.

In vielen Dörfern der Uckermark wie auch in anderen Gebieten der ehemaligen DDR sind solche Wohngebäude während der Zeit des Sozialismus auf dem Land entstanden. Oft stehen sie solitär oder in kleinen Gruppen am Rande historisch gewachsener Dörfer. Manchmal bilden sie auch die Dörfer selbst, füllen diese aus. Ihre Existenz resultiert aus dem kompletten Umbau ländlicher Strukturen. Die Wohnblöcke befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen Gebäudetypen, Räumen und Flächen (land)wirtschaftlicher und kultureller Funktion aus dieser Epoche: Vierzig Jahre realsozialistische Praxis haben die Dörfer und die sie umgebende Landschaft massiv und nachhaltig verändert. Siedlungen sind ein Teil von Landschaft – räumlich materiell wie auch in der Idee.



Von den Siedlungsgebieten gehen gleichzeitig und fortlaufend massive Impulse der Landschaftsgestaltung aus. Auch sind sie stark mit der Wahrnehmung von Landschaft verknüpft: Aus ihnen heraus und über sie wird in erster Linie (physisch) in die Landschaft eingestiegen, wird diese als solche erkannt und interpretiert. Neue Felder – Neue Dörfer: Das Symposium wählt diese räumliche Dualität für eine Beschreibung der Landschaft Uckermark und definiert die beiden Sphären als zu untersuchende Zielgebiete menschlichen Handelns. Dabei folgt das Symposium einem chronologischen Prinzip. Es untersucht das Innovationsmoment dreier aufeinanderfolgender Zeiträume. In der Begegnung mit der gegenwärtigen Landschaft Uckermark stellt das Symposium die sozialistische Praxis als das den Raum prägendste und nachwirkendste Element ins Zentrum seiner Betrachtung, geht von dieser aus, um über die Gegenwart einen Bogen hin zu einer prognostizierten Landschaft zu schlagen.

Historische Perspektive: Sozialistische Landschaft – Praxis und Relikt

Eine Perspektive ist deshalb historisch: Sie fragt nach dem Sozialistischen Dorf als Ausgangspunkt und Zielgebiet sozialistischer Umgestaltung auf dem Land. Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft sowie die Agenda eines sozialistischen Menschen – hier als Egalisierung der kulturellen Praxis zwischen Stadt und Land – verändern das Leben im Dorf, dessen Struktur und Form: Wohnraum für neue Dorfbewohner – nun Landarbeiter – wird benötigt, die materiell und kulturell umsorgt nun in Genossenschaften organisiert werden. Das Symposium betrachtet die sozialistische Ideen-, Planungs- und Baugeschichte auf dem Land – in den Dörfern und auf den Feldern – zwischen forcierter Agenda und unbewusstem Ergebnis. Von Interesse ist hier die anthropogene Dimension der sozialistischen Praxis. Industrialisierte Bewirtschaftungsformen verwandeln das Aussehen der gesamten Landschaft in einer relativ kurzen Zeit: Felder werden in ihrer Größe ausgeweitet und zusammengelegt, Intensivdüngung und Massentierhaltung etabliert.

Das Symposium stellt in diesem Zusammenhang die grundlegende Frage nach dem sich wechselwirkend beeinflussenden und prägenden Verhältnis von Gesellschaft und Raum. Verändert die sozialistische Praxis auf dem Land die ästhetische Rezeption, also die Wahrnehmung von Landschaft? Das (gebaute) sozialistische Dorf mit seinen inkludierten Lebens- und Arbeitsformen stellt einen neuen Ausgang und Einstieg in die Wahrnehmung von Landschaft, gleichzeitig aber auch ein neues, umgestaltetes Inventar derselben dar: Wie schaut es sich aus einem Fenster des dritten Stocks eines modernen Wohnblocks auf Landschaft – und wie schaut es sich von außen auf dieses modifizierte, neue Landschaftbild – mit seinen Wohnblöcken, Silos, Mastanlagen und riesigen Feldern bis zum Horizont? Neben dem Prinzip Selbstversuch lohnt sich hier möglicherweise ein Blick auf die systemimmanente, mediale Produktion von Landschaftsideen in Kunst, Propaganda und Publizistik.



Perspektive Gegenwart: Landschaft lesen

Das Symposium versucht die Landschaft zu lesen, die es vorfindet. Einserseits verfolgt es dabei einen phänomenologischen Ansatz, andererseits versucht es, die individuellen Zugänge zur Landschaft der Teilnehmer*innen aktiv zu reflektieren. Welchen Einfluss haben die oben besprochenen sozialistischen Landschaftskonstruktionen (räumlich materiell, ideell) auf Landschaftsrezeptionen der Gegenwart?

Spaziert man heute durch die Dörfer, über die Felder und Hügel der Uckermark, begegnet man einer Landschaft, in der unzählige natürliche und kulturelle Handlungsstränge im Jetzt zusammenlaufen: Die Spuren der landschaftsbildenden letzten Eiszeit(en), eine bis in die Vor- und Frühzeit zurückreichende Geschichte der menschlichen Besiedelung, ein vielhundertjähriger Prozess der Anpassung von Fauna und Flora an sich intensivierende kulturelle Überformungen, die verschiedenen Bodenreformen der letzten 250 Jahre, Schienenstränge, Straßen und andere mehr oder weniger weit zurückdatierende Infrastrukturprojekte, die Zeit des Sozialismus als eine Periode intensiver und radikaler Modernisierung, schließlich die Entwicklungen der Gegenwart und unmittelbaren Vergangenheit: Schrumpfung, Touristifizierung, ökologische Landwirtschaft… In dieser Landschaft sind das Sozialistische Dorf und die sozialistisch geprägte Agrarlandschaft als Relikt und als ein maßgeblicher Anteil am Ganzen enthalten – im räumlichen Vorhandensein wie auch in der ästhetischen Rezeption. Diese mag kollektive und individuelle Dimensionen haben – Kind ihrer Zeit ist sie allemal.

Die gegenwärtige Begegnung mit den sozialistischen Aspekten der Landschaft erscheint ambivalent: Auf der einen Seite reibt sich ein zeitgenössisches, vormodernes Landschaftsideal an den baulichen Relikten der sozialistischen Epoche, die ästhetische Irritationen auslösen: Das konditionierte idealtypische Landschaftsgefühl trifft auf eine skurrile, scheinbare Deplatziertheit des Gebauten. Auf der anderen Seite scheinen die riesigen Felder und freigeräumten Horizonte der fortwährend industriellen Landwirtschaft einen nicht unwesentlichen Anteil am Ausdruck dieser Landschaft zu haben, der von Besuchern als schön oder romantisch synthetisiert wird. Das Symposium operiert auf diesem Grad und arbeitet auch mit den unterschiedlichen Landschaftsvorstellungen und -idealen der Teilnehmer*innen. Verschiedene landschaftliche Vorbildungen treffen im Thema aufeinander – eine touristische z.B. auf eine heimatliche, oder eine ästhetisierende auf eine eher infrastrukturelle.

Stadt-Land-Verschränkungen

Das Symposium widmet sich verschiedenen Stadt-Land-Verschränkungen am Beispiel der Uckermark in ihrer historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Dimension. Zum einen interessiert es sich für die sozialistische Praxis auf dem Land, also die sozialistische Agenda der Nivellierung von Unterschieden zwischen Stadt und Land als initiiertes und fortdauerndes Projekt der Moderne (Urbanisierung und Modernisierung des Landes, Enthierarchisierung von Funktionen und Räumen). Daneben betrachtet das Symposium aktuelle Erscheinungen der Stadt-Land-Verschränkung wie die „neue Ländlichkeit“ eines gehobenen Stadtbürgertums, die Bewegung der sogenannten „Raumpioniere“ der Nachwendezeit oder aktuelle Initiativen zur Digitalisierung des Dorfes und lotet entsprechende Potentiale für die Zukunft aus.

Landschaften sind dynamische Systeme, Nutzungsformen ändern sich, Interessen an Landschaft gewichten sich neu. Die sozialistischen Dörfern von einst sind keine mehr. Das Betriebssystem hat gewechselt, Infrastruktur und dörfliche Funktionen sind weggefallen oder wurden umgeschrieben, die Arbeit befreit sich zusehends vom Ort. Viele Dörfer leiden unter einem demographischen Wandel. Die Resultate der Siedlungspolitik im real existierenden Sozialismus werden hauptsächlich als Zeugnisse eines missglückten Gesellschaftsentwurfs und einer defizitären Wirtschaftspolitik interpretiert. Was übrig bleibt, sind vor allem Relikte baulicher und ästhetischer Art. Auf dem Lande würden nicht Wenige alle Plattenbauten, Ställe und Wirtschaftsgebäude aus DDR-Beton am liebsten abreißen und das Bild des Dorfes gemäß eines historischen Ideales restaurieren, das sich an einer Zeit vor der einsetzenden Industrialisierung orientiert. Was ist mit diesen baulichen Überresten anzufangen?

Auf der anderen Seite formiert sich in der Gesellschaft des real existierenden Kapitalismus zunehmend der Wunsch nach Alternativen zum radikal individualistischen und vereinzelnden Leben in der konsumistischen Massengesellschaft. Infrastruktur und Digitalisierung weben an einer globalen, urbanisierten Überlandschaft der örtlichen Ungebundenheit – die Sehnsucht nach Natur bleibt kulturimmanent: Der ländliche Raum hat für längerfristige Projekte Laborcharakter. Mit seiner relativen Leere und Kleinteiligkeit der dortigen sozialen Agglomerationen scheint er prädestiniert für alternative, autonome Lebensformen und nicht-kapitalistische Gemeinschaften. Auf der anderen Seite ist dieser Raum wie jeder andere der kapitalistischen Praxis und Verwertungslogik unterworfen, umso mehr sich hier Gewinne generieren lassen und seine schönen Landschaften Begehrlichkeiten wecken.

Exponiertes Beispiel hierfür ist die Uckermark, deren Bedeutung für das benachbarte Berlin in den letzten Jahren zugenommen hat. Der Charakter dieser Stadt-Land-Verschränkung dominiert die Richtung der weiteren Entwickung. Schöne Landschaften sprechen sich herum. Für den schnellen Trip wie den alternativen Ausstieg aus der Stadt hat sich die Uckermark als eine leicht und schnell konsumierbare Sehnsuchtslandschaft etabliert. Die Preise für landwirtschaftliche Flächen haben in den letzten Jahren absurde Preissteigerungen erfahren. Der Trend zum Ferienhaus hat den Immobilienmarkt leergeräumt: Eine schwierige Situation für neue, nichtkommerzielle Projekte.

Auch das Projekt Libken kann man als Teil dieser transurbanen Bewegung sehen, die über den Landgang das Städtische ausweitet und den ländlichen Raum so mitverändert. Libken ist auch ein Beispiel, wie brachgefallene Potentiale sich nutzen lassen. Möglicherweise ändert sich gerade der Blick auf die ungeliebten sozialistischen Relikte. Das Symposium sieht sich diese neuen Projekte an und versucht, Entwicklungen zu prognostizieren. Wie könnten sie aussehen, die Neuen Landschaften?



Das Sozialistische Dorf bzw. die sozialistische Praxis auf dem Land haben (im Unterschied zur städtischen Industrie-, Arbeits- und Alltagskultur der DDR) bislang noch relativ wenig wissenschaftliches Interesse auf sich gezogen – auch in ihrer ästhetischen Dimension. Die Universale nähert sich dem Thema unkonventionell. Sie versucht sich in einer interdisziplinären Synthese aus Architekturgeschichte, Historischer Geographie, Ökologie und künstlerischer Landschaftswissenschaft. Sie arbeitet mit den Formaten Vortrag, Lesung, Film, Spaziergang und Exkursion. Die Universale wird vom Fonds Neue Länder der Kulturstiftung des Bundes mitgefördert. Die Erarbeitung der Inhalte des ersten Symposiums geschieht in einer Kooperation mit dem Center for Metropolitan Studies der TU Berlin.